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Der Sabbat beginnt am Freitagabend etwa 50 Minuten vor Eintritt der Nacht. Der Vater schaut auf die Uhr, um mit dem Sohn, der das Gebetbuch (Siddur) trägt, in die Synagoge zu gehen. Die Mutter hat das Haus und das Abendessen vorbereitet und die Sabbatlampe angezündet. Auf dem Schrank ist die Besamimbüchse (Gewürzbüchse) zu sehen. Auf dem Kaminsims liegen Bratäpfel und auf dem Tisch die mit einem Tuch bedeckten Barches. An der Wand im Hintergrund der Misrach, der die Richtung nach Jerusalem zeigt. Links neben der Tür das Gefäß für die rituelle Händewaschung. Auf der Anrichte links liegt der Karpfen für das Abendessen, von dem man die Schwanzspitze sehen kann.

Das Pessach Fest ist der Höhepunkt der häuslichen Familienfeiern. Auf diesem Bild ist das Ende des Seders wiedergegeben. Die Familie und ein ostjüdischer Gast hören dem Vater beim Verlesen des letzten Abschnittes der Haggada zu. Auf dem Buffet stehen vier Flaschen als Symbol für die vier Becher Wein, die jeder Teilnehmer an diesem Abend leeren muss.

Die Veröffentlichung der beiden jüdischen Genrebilder war ein großer Erfolg für die Zeitschrift. Die Redaktion der Gartenlaube antwortete 1867 auf Leserzuschriften:

„Es freut uns, dass Ihnen die beiden Illustrationen unserer letzten Nummer, ‚Sabbathanfang‘ und ‚Sederabend‘, so gefallen haben. Sie sind einem Cyklus von sechs Photographien nach Originalzeichnungen von Professor Moritz Oppenheim entnommen, welcher unter dem Titel: ‚Bilder aus dem altjüdischen Familienleben‘ im Verlage von Heinrich Keller in Frankfurt a. M. erschienen und in drei verschiedenen Ausgaben zu dreißig Gulden, acht Gulden sechs Kreuzer und vier Gulden achtundvierzig Kreuzer zu haben ist. Einzelne Blätter der schönen Sammlung kosten je nach ihrer Größe sechs Gulden, einen Gulden fünfundvierzig Kreuzer und vierundfünfzig Kreuzer.“

Moritz Daniel Oppenheim, 8. Jan. 1800 Hanau – 25. Feb. 1882 Frankfurt/Main, war der erste jüdische akademisch ausgebildete Maler. 1999/2000 zeigte das Jüdische Museum Frankfurt eine große Werkschau. Die Stadt Hanau errichtete 2015 eine überlebensgroße Skulptur Oppenheims auf dem Freiheitsplatz. 2018 erschien Isabel Gathofs filmische Dokumentation über Leben und Werk des Malers.

Text: Thilo Figaj, 2022

The Sabbath begins on Friday evening about 50 minutes before night falls. The father looks at the clock to go to the synagogue with the son carrying the prayer book (siddur). The mother has prepared the house and dinner and lit the Sabbath lamp. On the cupboard can be seen the besamim (spice) box. There are baked apples on the mantelpiece and barches covered with a cloth on the table. On the wall in the background the Misrach, which shows the direction to Jerusalem. To the left of the door the vessel for the ritual washing of hands. On the sideboard at the left lies the carp for dinner, of which you can see the tip of the tail.

Passover is the culmination of domestic family celebrations. In this picture, the end of the Seder is depicted. The family and the Eastern Jewish guest listen to the father reading the last section of the Haggadah. On the buffet are four bottles symbolizing the four cups of wine that each participant must empty that evening.

The publication of the two Jewish genre pictures was a great success for the magazine. The editors of the Gartenlaube responded to readers’ letters in 1867:

„We are pleased that you liked so much the two illustrations of our last number, ‚Sabbath Beginning‘ and ‚Seder Evening.‘ They are taken from a cycle of six photographs after original drawings by Professor Moritz Oppenheim, which appeared under the title: ‚Bilder aus dem altjüdischen Familienleben‘ in the publishing house of Heinrich Keller in Frankfurt a. M. and is available in three different editions at thirty guilders, eight guilders six kreuzers and four guilders forty-eight kreuzers. Individual sheets of the beautiful collection cost six gulden, one gulden forty-five kreuzer, and fifty-four kreuzer, depending on their size.“

Moritz Daniel Oppenheim, Jan. 8, 1800 Hanau – Feb. 25, 1882 Frankfurt/Main, was the first Jewish academically trained painter. In 1999/2000, the Jewish Museum Frankfurt presented a large exhibition of his work. In 2015, the city of Hanau erected a larger-than-life sculpture of Oppenheim on Freiheitsplatz. Isabel Gathof’s film documentary on the life and work of the painter was released in 2018.

 

Text: Thilo Figaj, 2022

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Ein sowohl im städtischen als auch im Landjudentum weit verbreiteter typisch jüdischer Beruf war der einer Tuchhändlerin oder eines Tuchhändlers. Aber auch diese Nische wurde von der Obrigkeit stark eingeschränkt. Noch lange Zeit durften Juden z.B. in Worms nur mit gebrauchten Stoffen oder Lumpen handeln. In Frankfurt war 1616 der Handel mit den Endabnehmern den kleinen christlichen Krämern vorzubehalten, Juden sollten nur ballenweise handeln.

Johann Ernst Mansfeld, Trödeljud, Wien 1775, Kupferstich

Aus einer Auflage des „Wiener Kaufrufes“ mit den Darstellungen der damals “im Volk verbreiteten Berufe und fliegenden Händler, wie man sie auf den Wiener Märkten antreffen konnte.”

Sylvain Marechal, Courtière Juive, Händlerin, Paris 1788, Altkolorierter Kupferstich

Tuchhändlerin, aus: “Costumes civils actuels”, “die aktuelle zivile Kleidung aller bekannten Völker, nach der Natur gezeichnet und koloriert.”

Moritz Oppenheim, Der Dorfgeher, Frankfurt 1873, Reproduktion

Der Tuchhändler trägt seine Warenmuster über dem Arm, sein Sohn hat die Tuchelle umgehängt. In der linken Hand hält er einen Brot- und Wasserbeutel. Dies, und vielleicht ein paar Zwiebeln waren oft die einzige Nahrung, die jüdische Händler während ihrer wöchentlichen Wanderungen in Ermangelung koscheren Essens zu sich nahmen. Der Junge schenkt dem christlichen Wandergesellen ein Geldstück, es ist eine Anspielung auf die jüdische Wohltätigkeit. Der Vater berührt beim Hinaustreten die Mesusa. Die Szene spielt im ländlichen Hessen und ist typisch für die Arbeitswelt im Landjudentum. Der Titel, den Moritz Oppenheim diesem Bild gab, scheint von der Novelle gleichen Namens von Leopold Kompert aus dem Jahre 1851 inspiriert zu sein.

Die letzte in Lorsch nach alter Tradition arbeitende Tuchhändlerin war die unverheiratet gebliebene Johanna Oppenheimer (1871 – 1943) aus der Karlstraße 1. Die vor allem bei den Lorscher Hausfrauen gern gesehene Hannchen wurde ein Opfer der Shoa. In dieser Geschäftsanzeige aus dem Jahre 1919 machte sie auf ihr Angebot aufmerksam.

Text: Thilo Figaj, 2022

Bild: 1919 Johanna Oppenheimer Schürzen Baumwolle

A typical Jewish profession, widespread in both urban and rural Jewry, was that of a draper. But even this niche was severely restricted by the authorities. For a long time, Jews in Worms, for example, were only allowed to trade in used cloth or rags. In Frankfurt, in 1616, trade with end buyers was to be reserved for the small Christian merchants; Jews were only to trade by the bale.

Johann Ernst Mansfeld, Trödeljud, Vienna 1775, copperplate engraving

From an edition of the “Wiener Kaufruf” with depictions of the “trades and flying merchants prevalent among the people at the time, as they could be encountered in the Viennese markets.”

Sylvain Marechal, Courtière Juive, female merchant, Paris 1788, Old colored copper engraving.

Woman draper, from Costumes civils actuels, “the current civil dress of all known peoples, drawn and colored from nature.”

Moritz Oppenheim, The Country Draper, Frankfurt 1873, reproduction.

The cloth merchant wears his sample of goods over his arm, his son has the clothelle slung around him. In his left hand he holds a bread and water bag. This, and perhaps a few onions were often the only food Jewish merchants ate during their weekly wanderings in the absence of kosher food. The boy gives the Christian journeyman a coin, it is an allusion to Jewish charity. The father touches the mezuzah as he steps out. The scene is set in rural Hesse and is typical of the working world in rural Jewry. The title Moritz Oppenheim gave to this painting seems to be inspired by the 1851 novella of the same name by Leopold Kompert.

The last cloth merchant in Lorsch working in the old tradition was Johanna Oppenheimer (1871 – 1943) from Karlstraße 1, who remained unmarried. Hannchen, who was especially popular with Lorsch housewives, became a victim of the Shoa. In a business advertisement from 1919 she drew attention to her offer.

 

Text: Thilo Figaj, 2022

07.10.2022 – Erinnerungen an Johannes Heinrich Heinstadt

Bild: HKV Lorsch
Mitte sitzend, Heinrich Heinstadt. Hinten links Kaplan Franz Knauer, hinten rechts Kaplan Alois Görch.
Die vier Patres kamen von einem Trierer Orden 1933 zur Volksmission nach Lorsch.
Die Aufnahme entstand vor der Kreuzigungsgruppe des Ostchores von St. Nazarius.

Freitag, 7. Oktober 2022
19 Uhr
Paul-Schnitzer-Saal

Nibelungenstraße 35
64653 Lorsch

 

Vortrag durch Thilo Figaj,
Dauer ca. 1,5 Stunden

Zum 150. Geburtstag des Lorscher Ehrenbürgers

Erinnerungen an Johannes Heinrich Heinstadt

Pfarrer in Lorsch 1904 – 1942

In den Jahren 1929 und 1930 entwickelte das Bistum Mainz die so genannte „Mainzer Position“ zum Nationalsozialismus. Es war und blieb die mit Abstand deutlichste Kampfansage der Katholischen Kirche an Hitler und sein Gefolge. Aus dem Mainzer Beschluss ergab sich, dass ein Katholik kein eingeschriebenes Mitglied der Nazipartei sein könne. Es drohte der Ausschluss von den Sakramenten und Exkommunizierung.


Auslöser war das Handeln des damaligen Lorscher Pfarrers. Ohne Rücksprache hatte Heinrich Heinstadt Hitler und anderen Parteigrößen verboten, an der kirchlichen Beerdigung eines jungen Lorschers teilzunehmen. Erich Jost war am Rande des NS- Parteitages in Nürnberg am 5. August 1929 bei Ausschreitungen zu Tode gekommen. In den folgenden Tagen und Wochen kam es wegen des Kirchenausschlusses zu wütenden Protesten von Nationalsozialisten zunächst im Bistum, und bald darauf in ganz Deutschland. Der Lorscher Fall erreichte schließlich den Vatikan, der den Münchner Kardinal von Faulhaber um Aufklärung bat.


Die Antwort an Rom ist im Bistum München und Freising erhalten. Sie wiederholt Heinstadts Beweggründe, die er schon seinem Bischof Hugo gegenüber dargelegt hatte. Auch von Faulhaber verteidigt den Lorscher Pfarrer und schildert der Konzilskongregation nachdrücklich die Bedrohung durch die deutschen Nationalsozialisten, die einen „Kampf gegen Juda und Rom“ führten. Es ist der Auftakt zu den bewegendsten Jahren seiner Amtszeit als Pfarrer von Lorsch. Heinrich Heinstadt, 1872 in Oppershofen (Butzbach) geboren, kam über Pfarrstellen in Herrnsheim und Dromersheim 1904 nach Lorsch. Hier wirkte er 38 Jahre, bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1942. Er  starb 1956 in Friedberg und wurde in Lorsch beigesetzt, neben seiner Schwester Elisabeth, die ihn auf allen Stationen des Lebens begleitet hatte.


Heinstadt war in der Rückschau derer, die ihn noch gekannt haben, ein energischer und autoritärer, und besonders von jüngeren Menschen oft gefürchteter Mann. Von seinem Charakter scheint er eher ein Streiter des Bismarck’schen Kulturkampfes gewesen zu sein, ein Mensch des 19. Jahrhunderts. In jedem Fall war der Seelsorger ein politischer Katholik und Vorstand der Zentrumspartei in Lorsch. Die unruhige Zeit zu Beginn der 1930er Jahre war geprägt von wirtschaftlicher Depression und politischer Dauerkrise. Das hinderte den Lorscher Pfarrer nicht daran sein Hauptanliegen zu verwirklichen. 1909 hatte er – ermutigt durch die Realisierung des Krankenhauses – den Kirchenbauverein gegründet. Die Inflation von 1923 vernichtete bedeutende Ersparnisse. Mit großem Engagement begann Heinstadt erneut für die Erweiterung der Pfarrkirche zu sammeln, er verlangte seiner Gemeinde das Äußerste ab. Nach nur etwas über 6 Monaten Bauzeit für die Seitenschiffe hatte er zur Weihnachtsmesse 1929 sein Ziel fast erreicht; am 6. September 1930 war dann die feierliche Weihe der von 550 auf 1.028 Plätze erweiterten Kirche.

 

Drei Jahre später ergriffen die Nazis die Macht. Sie hatten den Lorscher Pfarrer nicht vergessen. Heinstadt wehrte sich mit den Mitteln der Kirche. Eine Woche nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, startete er am 8. Februar 1933 in Lorsch eine Volksmission. Mit vier Redemptoristen eines „Erlöser“- Ordens aus Trier stellte er sich gemeinsam mit seinen Kaplänen Görch und Knauer in

täglichen Hausbesuchen dem Faschismus entgegen. Es war der Auftakt zu einem dramatischen Lorscher Jahr. Elf Monate später wurde Heinstadt verhaftet und in Darmstadt vor ein NS-Sondergericht gestellt. Thilo Figaj zeichnet den bewegenden politischen Kampf des Pfarrers und Ehrenbürgers (1946) Heinrich Heinstadt in den Jahren 1929 – 1936 nach. Seine Haltung hatte unmittelbare Wirkung auf die Katholische Kirche in Mainz und Deutschland während der sogenannten „Kampfzeit“ des Nationalsozialismus. Es waren Kirchenmänner wie Heinstadt, die Hitler 1933 den Ausgleich mit dem Vatikan durch das Reichskonkordat suchen ließen.

Dauer des Vortags ca. 1,5 Stunden. Veranstalter ist der Heimat und Kulturverein Lorsch e.V.
Der Eintritt ist kostenfrei. Um eine Spende für die Arbeit des Vereins wird gebeten.

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Der Aufstand der Zünfte gegen den Rat der Stadt Frankfurt, der nach der Kaiserwahl von Matthias 1612 an der Frage der Bestätigung von Rechten entflammt war, hatte sich schließlich gegen die Juden als dem wehrlosesten Teil der Stadtgesellschaft gerichtet und gipfelte in der Erstürmung und Plünderung der Judengasse am 22. August 1614. Die Vertreibung der Juden aus ihrer Gasse und der Stadt dauerte 18 Monate, vom 23. August 1614 bis zur Wiedereinführung am 28.2.1616. An diesem Tag wurden Vinzenz Fettmilch und zwei weitere Aufrührer hingerichtet. Weitere Täter wurden am Gallustor, durch das die Juden nun unter kaiserlichem Schutz feierlich wieder in die Stadt einzogen, öffentlich gestäupt. Dabei wurden sie Zeugen der Strafmaßnahmen an den Aufrührern. Bereits im August 1615 waren 40 Mitglieder der jüdischen Gemeinde zurück in die Judengasse eingeladen worden, um die Rückkehr der Gemeinde vorzubereiten und die geplünderten und zerstörten Häuser herzurichten. Sachwerte, auch Gold und Silber, wurden, soweit es möglich war, an einer öffentlichen Sammelstelle zusammengetragen und den Besitzern zurückerstattet.

Schilderung des in der Radierung von Georg Keller 1614 dargestellten Ereignisses

“Mit der Säuberung der Gasse von Gesindel glaubte der Rat [der Stadt Frankfurt] genug [gegen den Aufrührer Fettmilch] getan zu haben und unternahm keine weiteren Schritte, außer daß er vor den Toren eine Wache aufstellte, die verhindern sollte, daß von neuem Pöbelhaufen eindrängen, um Nachlese zu halten. So sahen sich die Juden der Willkür Fettmilchs preisgegeben. Er und Kantor trieben alle die, die sie noch in der Stadt aufspüren konnten, „wie das liebe Vieh“ vor sich her nach dem von Wachen umgebenen Friedhof, wo nun die unglückliche Gemeinde fast vollzählig versammelt war. […] Endlich erfuhren sie, was man mit ihnen im Schilde führte: Fettmilch sagte ihnen im Namen des Ausschusses [der Aufständischen] den Schutz auf und gebot ihnen, die Stadt zu verlassen, da die Bürgerschaft sie nicht länger unter sich dulden wolle. […] Um ein Uhr nachmittags begann der Abzug. Der Rat, der zu allem Geschehenen durch Stillschweigen seine Einwilligung gegeben hatte, stellte zur Aufrechterhaltung der Ordnung acht Musketiere vor die Judengasse. In langen Scharen — man zählte 1380 Personen — zogen die Juden, zu beiden Seiten von bewaffneten Bürgern geleitet, durch das Fischerpförtchen an den Main. Den Rest ihrer Habe, für den sie einen äußerst hohen Ausfuhrzoll zahlen mussten, schleppten sie mit sich oder ließen ihn für reichlichen Lohn zum Ufer tragen; manche gaben auch das aus der Plünderung Gerettete befreundeten Christen in Verwahrung. Unter Weinen und Wehklagen schieden die Juden von dem Orte, wo sie seit vielen Generationen gelebt hatten. Die blühendste und angesehenste Gemeinde Deutschlands schien für immer vernichtet zu sein.” (Isidor Kracauer, 1925)

Von Frankfurt aus war der Funke des Aufstandes auf Worms übergesprungen und richtete sich dort ebenfalls gegen die Juden. Die Wormser Austreibung mit einer gleich großen Kopfzahl von 1400 Menschen dauerte allerdings nur 8 Monate, vom 10.4.1615 (Ostern), bis Januar 1616. Sie hatte aber eine besondere Auswirkung auf rechtsrheinische Gebiete, in denen Familien Schutz gefunden hatten, und die nicht mehr zurück gingen. Nach dem Tod des Wormser Rabbiners während der Vertreibung und der folgenden Anlage eines großzügigen Begräbnisplatzes im hessischen Alsbach fanden auch Juden, die sich im und nach dem unmittelbar folgenden Dreißigjährigen Krieg in der Landgrafschaft Hessen und in den kurmainzischen Enklaven niederließen, einen wichtigen Fixpunkt in der Diaspora. Vor dem Krieg war die kurmainzische Bergstraße an die Pfalz verpfändet gewesen. Dort waren 200 Jahre keine Juden geduldet. Nun wurde es zur Keimzelle des Landjudentums in der Region — eine mittelbare Folge des Fettmilch Aufstandes.

Text: Thilo Figaj, 2022

The uprising of the guilds against the city council of Frankfurt, which had flared up after the imperial election of Matthias in 1612 over the question of the confirmation of rights, had ultimately been directed against the Jews as the most defenseless part of the city’s society and culminated in the storming and looting of the Judengasse on August 22, 1614. The expulsion of the Jews from their alley and the city lasted 18 months, from August 23, 1614, until their reinstatement on February 28, 1616. On that day, Vincent Fettmilch and two other rebels were executed. Other perpetrators were publicly punished at the Gallus Gate, through which the Jews now solemnly re-entered the city under imperial protection. They witnessed the punitive measures taken against the rebels. As early as August 1615, 40 members of the Jewish community had been invited back to Judengasse to prepare for the return of the community and to repair the looted and destroyed houses. Material assets, including gold and silver, were recovered as far as possible at a public collection point and returned to the owners.

Historical account of the event depicted in the 1614 etching by Georg Keller:

“With the cleansing of the Gasse from riffraff, the Council [of the city of Frankfurt] thought it had done enough [against Fettmilch and other rebels] and took no further steps, except to set up a guard at the gates to prevent mobs from pushing in anew to glean. Thus the Jews found themselves at the mercy of Fettmilch. He and Kantor drove all those whom they could still find in the city “like cattle” before them to the cemetery surrounded by guards, where the unfortunate community was now almost completely assembled. […] Finally they learned what was being done to them: Fettmilch, in the name of the [rebels] committee, ordered them to leave the city, since the citizens no longer wished to tolerate them among themselves. […] At one o’clock in the afternoon the exodus began. The council, which had given its consent to everything that had happened by keeping silent, placed eight musketeers in front of the Judengasse to maintain order. In long crowds – 1380 people were counted – the Jews, escorted on both sides by armed citizens, marched through the Fischerpförtchen to the Main [river]. The rest of their possessions, for which they had to pay an extremely high export toll, they dragged with them or had them carried to the bank for a generous wage; some also gave what they had saved from the looting to friendly Christians for safekeeping. Germany’s most flourishing and respected community seemed to have been destroyed forever.” (Isidor Kracauer, 1925)

From Frankfurt, the spark of the uprising had spread to Worms, where it was also directed against the Jews. The Worms expulsion with an equal head count of 1400 people lasted only 8 months, from April 10, 1615 (Easter), to January 1616. However, it had a particular impact on areas on the right bank of the Rhine, where families had found shelter and did not return. After the death of the Worms rabbi during the expulsion and the subsequent establishment of a spacious cemetery in Alsbach, Hesse, Jews who had settled in the Landgraviate of Hesse and in the Electoral-Mainzian enclaves during and after the following Thirty Years’ War found an important foothold in the Diaspora. Before the war, the Electoral-Mainzian Bergstrasse had been mortgaged to the Palatinate. Jews had not been tolerated there for 200 years. Now it became the nucleus of rural Jewry in the region – an indirect consequence of the Fettmilch uprising.

Text: Thilo Figaj, 2022

06.08.2022 – „Die Kräuter im Lorscher Werzwisch“

Führung mit Informationen durch Gisela Steines
Samstag, den 13.08.2022  um 19.30 Uhr am Sachsenbuckel

 

Kräuterweihe am 15. August 2022 zu Maria Himmelfahrt

Quelle: come-to-web
  • Königskerze (oder Eisenkraut)
  • Wiesenknopf (auch Blutströpfchen genannt)
  • Johanniskraut
  • Schafsgarbe
  • Rainfarn
  • Wilde Möhre
  • Beifuß
  • Dost

Thymian, Odermennig, Pfefferminze und Wermut sowie Zweige vom Nussbaum, mit drei grünen Nüssen als Zeichen der Dreifaltigkeit, können auch dazu gebunden werden.
(Es sollen mindestens 7 Kräuter im dem „Werzwisch“ oder Würzbürde enthalten sein.)

Anmerkung: Der Rainfarn wächst in den Wiesen und an Wegrändern. Er hat eine kompakte, dottergelbe  Blüte  und ist kein Farn, der im Wald wächst.

18.08.2021 – Sechste Stolpersteinverlegung in Lorsch am 7. September 2021

Schuhlöffel Abraham Lorch (Foto: Bildarchiv HKV)

Dienstag, 7. September 2021
um 16 Uhr

Rheinstr. 4
anschl. Stiftstr. 26

In diesem Jahr werden wieder unter der Federführung des Heimat- und Kulturvereins an zwei Stellen in der Stadt Stolpersteine für ehemalige jüdische Nachbarn verlegt. Der erste Ort ist die Rheinstraße 4, das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der Familie Eduard Rohrheimer (1880-1949). Die Familie Rohrheimer ist die Familie mit der längsten jüdischen Siedlungskontinuität in Lorsch. Eduard Rohrheimers Tochter Erna (1912 – 1995) war in neunter Generation das letzte am Ort geborene Mitglied. Sie war eine waschechte Lorscherin, auch ihre Mutter Jenny stammte aus einer alteingesessenen Familie. Jenny Rohrheimer, geborene Lorch (1883 – 1937) war die Schwester des bekannten Kaufmanns Hermann Lorch. Tragischerweise verstarb sie früh, und so waren Vater und Tochter während der harten Zeit des nationalsozialistischen Boykotts auf sich allein gestellt. Eduard Rohrheimer hatte im November 1927 in der Rheinstraße zusätzlich zu seinem traditionellen Handel mit Vieh und Landesprodukten für Erna ein Geschäft mit Trikotagen und Wollwaren eröffnet, in dem sie nach ihrem Schulabschluss Ostern 1928 arbeitete. Ältere Lorscherinnen erinnerten sich noch vor einigen Jahren an dieses Geschäft und erzählten, dass Erna für die Stammkundschaft gerne auch sonntags aufsperrte, nach der Messe. Jede Gelegenheit zum Überleben musste genutzt werden.

Erna war von ihren Eltern auf die Höhere Töchterschule nach Bensheim geschickt worden, die damals noch nach der 10. Klasse endete. Ihre Spuren dort haben nun Schülerinnen und Schüler des Goethe Gymnasiums aufgenommen und ihr Schicksal recherchiert. Das Gymnasium, das aus dieser Schule hervorgegangen ist, feiert 2021/22 sein 150. Jubiläum. Als zentrales Projekt plant die Schule die Verlegung von Stolpersteinen für ehemalige jüdische Schülerinnen und deren Familien. Es gelang, einen Enkel von Erna Rohrheimer in den USA ausfindig zu machen und nun zur Verlegung der Stolpersteine nach Lorsch einzuladen. Die Schulgemeinde finanziert das Projekt mit Patenschaften selbst.

Erna und ihr Vater flohen 1938, noch vor dem Pogrom, und fanden eine neue Heimat in Philadelphia. Ihr Erstkontakt in den USA waren die Nachfahren von Moses Rohrheimer, der 1866 von Lorsch ausgewandert war. Erna heiratete 1940 den aus Frankfurt stammenden Kurt Meyer. Ihr Mann diente in der US-Armee, und das von der Familie überlassene Foto der beiden stammt aus der Kriegszeit. 1945 kam ihre Tochter Irene Jeanne zur Welt. Eduard Rohrheimer wohnte in der Nähe seiner Tochter und arbeitete noch ein paar Jahre bei einer Holzhandlung am Hafen von Philadelphia. Nach seinem Tod 1949 betrieb Erna als einzige Nachfahrin das Entschädigungsverfahren in Deutschland.

 

Erna Elise Rohrheimer Meyer (1912-1995) und Kurt Meyer (1913-1987) (Foto: Familie)

Ein Onkel von Ena war also Hermann Lorch, für dessen nach Baltimore geflüchtete Familie seit 2019 Stolpersteine in der Bahnhofstraße 8 liegen. Für einen weiteren ihrer Onkel, Hermanns jüngeren Bruder Abraham Lorch (1887) und dessen Frau Sofie, geb. Lehmann (1877) werden nun zwei Stolpersteine in der Stiftstraße 26 verlegt. Abraham Lorch war Schuhmacher und -händler. Sein Wohn- und Geschäftshaus war das Stammhaus der Großfamilie Lorch, die seit 1820 am Ort wohnte. Leider ist außer der Erinnerung an das Schuhgeschäft nicht mehr viel bekannt über seine Familie. Nach der Bedrängnis durch die Nationalsozialisten, dem Ruin ihres Geschäftes und Verkauf ihres Hauses – was sich aus Dokumenten detailliert ablesen lässt – flüchteten Abraham und Sofie Lorch nach Palästina. Es gibt in den Akten der NS Finanzbehörde den Hinweis auf eine Tochter, der sie offenbar nach Palästina folgten – leider ohne Namensnennung. Nachweise zu Kindern der beiden fehlen in Lorsch und in Lengfeld (Gemeinde Otzberg), von wo Sofie stammte und wo die beiden 1906 geheiratet hatten. Auch eine Suche in den Einbürgerungsakten in Israel führte bis heute zu keinem Erfolg. Und so bleibt ein alter Schuhlöffel, ein Werbegeschenk des Schuhhändlers Abraham Lorch, der einzig greifbare Hinweis auf die Existenz dieser Familie in Lorsch.

Die Verlegungen sind terminiert auf 16 Uhr, am Dienstag, den 7. September 2021. Beginn ist in der Rheinstraße 4, anschließend werden die Steine in der Stiftstraße 26 verlegt. Die an diesem Tag geltenden behördlichen Corona Regeln sind zu beachten.

15.08.2021 – „Die Kräuter im Lorscher Werzwisch“

Kräuterweihe am 15. August 2021 zu Maria Himmelfahrt

Quelle: Adobe Stock / Susann Bausbach
  • Königskerze (oder Eisenkraut)
  • Wiesenknopf – auch Blutströpfchen genannt
  • Johanniskraut
  • Schafsgarbe
  • Rainfarn
  • Wilde Möhre
  • Beifuß
  • Dost

Thymian, Odermennig, Pfefferminze und Wermut sowie Zweige vom Nussbaum, mit drei grünen Nüssen als Zeichen der Dreifaltigkeit, können auch dazu gebunden werden.
(Es sollen mindestens 7 Kräuter im dem „Werzwisch“  oder Würzbürde enthalten sein.)

Am 15.08.2021 werden wir vor dem Gottesdienst Kräutersträuße zum Abgeben bereithalten.

Gisela Steines
Heimat- und Kulturverein Lorsch e.V.

Online Vortrag – Das Osttor in der Lorscher Klostermauer

Pressemitteilung vom 18. März 2021, Thilo Figaj, Heimat- und Kulturverein Lorsch

Online Vortrag am Freitag, den 26.3.2021, 19.00 Uhr, Dauer ca. 1,5 Std.

Das Osttor in der Lorscher Klostermauer

Welcher historisch interessierte Mensch würde sich nicht wünschen, einmal eine Zeitreise in die Vergangenheit zu machen, für einen Tag oder auch nur für ein paar Stunden. Am liebsten in der Heimat. Man könnte herausfinden, wie es an bestimmten Orten früher einmal aussah.

Manchmal kommt man so einem unerfüllbaren Wunschtraum etwas näher. Wenn zum Beispiel, wie vor ein paar Jahren geschehen, ein lange verloren geglaubtes Landschaftsbild wieder auftaucht. Der „Prospect von dem Meliboco“ des Darmstädter Malers Johann Tobias Sonntag aus dem Jahr 1747, mit 3,80 Metern Breite ein Gemälde von außergewöhnlichem Ausmaß zeigt von der höchsten Erhebung der Bergstraße aus betrachtet die Riedebene von Mannheim bis Mainz, und die Region über den Rhein hinaus, in vielen kleinen und feinen Einzelheiten.

Die Freunde des Schlossmuseums in Darmstadt haben das Bild, das seit dem 2. Weltkrieg verschollen war, nach seiner Wiederentdeckung in schlechtem Zustand zu voller Pracht restaurieren lassen. Viele Einzelspender haben dazu beigetragen, so dass es seit Mai 2019 wieder im Schlossmuseum Darmstadt zu sehen ist. Leider ist ein Besuch derzeit noch nicht wieder möglich.

Nur wer es dort aus der Nähe betrachtet, kann sich in den Einzelheiten verlieren und damit in der Vergangenheit. Eine Reproduktion gewöhnlicher Größe zeigt nur eine Landschaft. Dabei sind die Orte unserer Nachbarschaft und auch Lorsch selbst vom Maler teilweise bis in das kleinste Detail dargestellt worden, vom Wegweiser bis zur Turmuhr des Lorscher Rathauses. Ein 30 x 15 cm großer Ausschnitt des Gesamtbildes, entsprechend 0,5% seiner Fläche, schenkt uns die erste Ansicht von Lorsch seit dem Stich von Merian einhundert Jahre zuvor.

Erstmals steht die bürgerliche Dorfgemeinde im Mittelpunkt einer Abbildung und nicht das Kloster, im Gegenteil, das Kloster ist, bis auf die Mauer, unsichtbar. Die Kirche und ein übergroßer Rathausturm, und ihre Lage zueinander, sind unsere Orientierungen, und: ein Tor in der Mauer.

Der Vortrag geht der Frage nach, welcher Realitätsgehalt den Abbildungen der Orte, neben Lorsch vor allem Bensheim, Klein- und Großhausen, Schwanheim, und weiteren Riedgemeinden heute zugewiesen werden kann, und ob es das bis dahin in der Klosterforschung unbekannte Osttor des Malers Sonntag an dieser Stelle der Klostermauer wirklich gab.

Der Online Vortrag mit vielen Detailbildern wird über den Internetanbieter ZOOM veranstaltet. Auf der Seite des Heimat- und Kulturvereins ist der direkte Zugangslink veröffentlicht. Der Beitritt ist nach der Aktivierung des Links in der Regel problemlos mit PC oder einem anderen digitalen Endgerät ab 18.30 Uhr am 26.3.2021 möglich.

Nach dem Vortrag gibt es Gelegenheit im Chat oder Video / Audio zu Nachfragen und Diskussion.

 www.kulturverein-lorsch.de
Kontakt: tfigaj@kulturverein-lorsch.de

Bildnachweis: © Freunde des Schlossmuseums e.V., Hessische Hausstiftung

Online Vortrag
Thilo Figaj, Heimat- und Kulturverein Lorsch

Thema:
Das Osttor in der Lorscher Klostermauer

26. März.2021
19:00 Uhr

 

Die Einwahl ist ab 18:30 Uhr möglich mit diesem direkten ZOOM Link:

https://us02web.zoom.us/j/81527158014?pwd=VGxFODlFRUZqRm5SYS9wNlNJZnREUT09
Meeting-ID: 815 2715 8014
Kenncode: 030261

Bitte geben Sie bei der Anmeldung Ihren Namen ein. Ihr Mikrofon wird vom Host stumm geschaltet. Ein Austausch ist über die Chat Funktion möglich.
Bei Fragen: t.figaj@kulturverein-lorsch.de

Die Architekten Hans und Christoph Rummel

Die Architekten Hans und Christoph Rummel, ihre Kirchenbauten zwischen Historismus und Moderne und ihre profanen Bauten.

Eine Ausarbeitung ihres Wirkens, die vor allem Kirchen geplant haben, als PDF zum Download.

In Lorsch haben sie den Anbau der kath. Kirche 1929 geplant, ebenso das Lorscher Krankenhaus, die Wingertsberg-Schule sowie 1915 die Erweiterung des Rathauses.