Das Ehepaar Johann und Johanna Degen und Christian Kaltwasser waren Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Verlegung am 27. April.
Verlegung am 27. April 2026
um 11:30 Uhr
Start in der Sandstraße 2, anschl. Badegasse 6
Seit 2015 wurden im Lorscher Stadtgebiet 55 Stolpersteine für verfolgte, geflüchtete oder ermordete ehemalige jüdische Mitbürger verlegt. Am 27. April ab 11:30 Uhr werden zunächst in der Sandstraße 2 und anschließend in der Badegasse 6 insgesamt drei weitere Stolpersteine verlegt. Neu ist, dass es sich um Gedenksteine für Angehörige der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas handelt, die unter dem NS-Regime ebenso verfolgt und auch ermordet wurden, wie z.B. Jüdinnen und Juden.
Die Initiative geht von zwei Privatpersonen aus, Cosima Apilongo aus Heppenheim und Tabitha Hombach aus Kleinniedesheim (Rhein-Pfalz-Kreis). Die Lorscher Stadtverordnetenversammlung hat, nach Beantragung der Verlegung durch den Heimat- und Kulturverein Lorsch, am 19. März 2026 ergänzend zur bereits bestehenden Praxis beschlossen, Verlegungen auch für weitere Opfergruppen
grundsätzlich zuzulassen, und zwar für Angehörige der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas, der Volksgruppe der Sinti und Roma, sowie sogenannte „Euthanasie“ Opfer.
In Zusammenarbeit mit dem Vorsitzenden des Heimat- und Kulturvereins, Thilo Figaj, haben Apilongo und Hombach eine umfassend recherchierte Dokumentation zu den drei Opfern vorgelegt, die sich u.a. auf Unterlagen aus dem Stadtarchiv Lorsch, aus den Arolsen Archiven, den Hessischen Staatsarchiven, dem Archiv der Zeugen Jehovas, dem Archiv des NS-Dokumentationszentrums Rheinland-Pfalz und auf Zeitzeugenberichte stützen kann. Herausgekommen sind die beeindruckenden Lebens- und Leidensbilder von Johannes und Johanna Degen (Sandstraße 2) und Christian Kaltwasser (Badegasse 6).
Die Leidenswege der beiden Männer sind so umfangreich, dass sie auf gewöhnlichen Stolpersteinen kaum nachvollzogen werden können. Beide kamen aufgrund ihrer Gesinnung schon 1933 in das KZ Osthofen, gefolgt von Gefängnis- und weiteren KZ-Aufenthalten in Dachau und Mauthausen. Johannes Degen überlebte die Strapazen dort nicht, er verstarb 1941 an den durch Sklavenarbeit im Steinbruch erlittenen Verletzungen. Die wahre Todesursache fälschten die Nazis in der Mitteilung an die Familie. Kaltwasser überlebte dieses furchtbare KZ, litt aber zeitlebens unter den dort erlittenen körperlichen Schäden. Bis zur Befreiung durch die Alliierten 1945 musste er noch einmal Dachau, und schließlich das Lager Ravensbrück erdulden. Johanna Degen, die wegen der Unterstützung ihres Mannes ebenfalls 1937 in Schutzhaft gewesen war, wurde im Herbst 1945 gemeinsam mit Christian Kaltwasser und ihrem verstorbenen Mann als einzige Lorscher vom damaligen Bürgermeister Kaspar Diehl in der Aufstellung „ehemaliger politischer Gefangener“ an das Hilfswerk nach Darmstadt gemeldet. Die Verfolgungsgeschichten der Familien Degen und Kaltwasser waren im Ort bekannt und sind in der Akte festgehalten.
Die Verlegung der Stolpersteine erfolgt durch Katja Demnig, die Frau des Künstlers Gunter Demnig. Zum Termin angesagt haben sich bereits einige auswärtige Besucher, darunter die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums Rheinland-Pfalz, Frau Ulrike Holdt. Der Heimat- und Kulturverein als Träger des Lorscher Stolpersteinprojektes und die beiden Initiatorinnen wünschen sich eine rege Beteiligung der Bevölkerung an der Verlegung.
Johann und Johanna Degen
(Hochzeitsbild 17. März 1923, Quelle: Jehovas Zeugen Archiv Zentraleuropa)
Christian Kaltwasser
(Bild von Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleuropa)