15.10.2020 – Stolpersteine für die Familie Oppenheimer in der Karlstraße 1

Haus Karlstraße 1. Architekt Dexler

Sonntag, 25. Oktober 2020

um 9 Uhr

Karlstraße 1 / Ecke Landgrabenstraße

Am Sonntag, den 25. Oktober 2020 um 9 Uhr morgens werden vom Künstler Gunter Demnig zum fünften Male Stolpersteine in Lorsch verlegt. Diesmal sind es sieben Steine an nur einer einzigen Stelle, in der Karlstraße 1, Ecke Landgrabenstraße.

Das Haus ist für die Geschichte der Lorscher Juden ein besonderer Ort. Er war vielen alten Lorschern noch lange nach der NS-Diktatur als „das Judenhaus“ in Erinnerung. Das lag daran, dass vor allem hier (neben dem Haus Kirchstraße 5), die letzten Lorscher Juden zusammengedrängt worden waren. Es handelte sich ausschließlich um ältere Leute. Neben dem Ehepaar Leopold (1873-1944) und Antonie Oppenheimer (1880-1944), denen das Haus gehörte, wohnte hier im September 1942 noch Leopolds ältere Schwester Hannchen (1871-1943). Zwangsweise einquartiert waren Mathilde Marx und ihre Schwester Lina Schnautzer, die aus der Bahnhofstraße 33 stammten. Für beide sind dort Stolpersteine im Oktober 2018 verlegt worden.

Bereits im März 1942 war Leopold Oppenheimers jüngere, ebenfalls unverheiratete Schwester Bertha (1877-1942) nach Piaski deportiert worden. Die drei Söhne Oppenheimers, Ernst (1913-1986), Richard (1914-1997) und Alfred (1917-2004) waren schon in den 1930er Jahren in die USA und nach Argentinien (Richard) geflüchtet. 

Am 27. September 1942 ging der letzte große Deportationszug aus Südhessen über Mainz und Darmstadt nach Theresienstadt. Den alten Leuten hatte man das Märchen vom umsorgten Altersruhesitz vorgelogen und ihnen damit die allerletzten Ersparnisse abgepresst. Auf der Abschrift der Gestapo Liste, die im Mainzer Stadtarchiv erhalten ist, finden sich die Namen der Lorscherinnen und Lorscher auf Seite 32, unter den Nummern 1262-1268. 

Bis zu ihrer Deportation, die wie üblich von der Gestapo in relativer Ruhe organisiert worden war, lebten die Leute über Jahre bereits in bitterer Armut. Das Einkaufen in Lorsch war für sie seit 1941 auf ein einziges Geschäft und eine einzige Abendstunde, ab 18 Uhr, reduziert worden. Zeitzeugen erinnerten sich, dass es dem Kolonialwarenhändler Schmitt in der Bahnhofstraße 12 auferlegt worden war, nur ganz beschränkte Lebensmittel an Juden auszugeben, so z.B. ausschließlich Schwarzbrot. Einige Lorscher halfen aus, indem sie illegal Lebensmittelpäckchen über das Hoftor des „Judenhauses“ warfen oder dem Briefträger heimlich Sachen mitgaben.

Der Handelsjude Leopold Oppenheimer war in Lorsch unter dem Übernamen „der Heringsjud‘“ bekannt. Wie er – oder bereits sein Vater – zu diesem Namen gekommen war, ist nicht mehr nachvollziehbar. Mit Heringen gehandelt hat Leopold nach Angaben von Zeitzeugen nicht. Er und seine Schwestern waren in Fränkisch-Crumbach geboren, sind aber alle in Lorsch aufgewachsen. Ihr Vater Isaak (1826-1896) stammte aus Lorsch. Er war 1879 zurückgekommen und hatte das Haus in der Karlstraße 1 gekauft. Isaaks ältester Sohn Zacharias besaß ein Haus in der Bahnhofstraße 75; Leopold übernahm die Karlstraße und ließ das Haus 1913 vom hiesigen Architekten Heinrich Dexler in dessen bekannten repräsentativen Stil umbauen. Seine Schwester Hannchen war mit einem eigenen Geschäft eingetragen. Während Leopold reisender Kaufmann war, der bis weit in den Odenwald Kundschaft hatte, belieferte Hannchen Oppenheimer die Lorscher Hausfrauen mit Schürzenstoffen. Was sich bescheiden anhört, war damals ein einträgliches Geschäft. Hannchen war bekannt und beliebt. Annoncen unter ihrem Namen erschienen in der Lorscher Zeitung. Über ihre jüngere Schwester Bertha wissen wir leider nicht viel. Sie ist vermutlich nicht lange nach ihrer Deportation im März 1942 in einem der Vernichtungslager im besetzten Polen, in Treblinka oder Sobibor ermordet worden.

Hannchen starb im Februar 1943 in Theresienstadt an Auszehrung und Mangel, wie die meisten alten Leute. Auch diese zynische und kaltblütige Vorgehensweise der Nationalsozialisten war vorsätzlicher Mord, gleichzusetzen mit allen anderen Mordmethoden in den Massenvernichtungslagern oder an den Schießgruben.

Leopold und seine Frau Antonie, die er Toni nannte, hielten ein Jahr länger aus. Aber der Tod von Leopold vor dem oder am 8. April 1944 in Theresienstadt war auch das Todesurteil für Toni. Allein und ohne Angehörige hatte sie keine Chance mehr im Lager. Am 16. Mai 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ist wahrscheinlich noch am Tag ihrer Ankunft dort ermordet worden. 

Das Haus Karlstraße 1 hatte sich bei seiner Deportation noch im Besitz von Leopold Oppenheimer befunden. Die zynische Gesetzgebung („Legalisierter Raub“) ermöglichte es der Reichsfinanzverwaltung durch „Ausbürgerung bei Grenzübertritt“ und damit automatischem Vermögensverfall das Haus zu übernehmen. Wie immer in solchen Fällen kam es auch in Lorsch zu Begehrlichkeiten. Der restliche Hausrat wurde im Hof versteigert, und insgesamt 4 Wohnungen an Lorscher Parteien vermietet. Das bis 1945 penibel geführte Rechnungsbuch des Heppenheimer Finanzbeamten gibt über diese Sachverhalte Auskunft.

Diese und andere Belege konnten in einem Restitutionsverfahren, dass der jüngste der drei nach Amerika geflüchteten Söhne, Alfred, in den 1950er Jahren stellvertretend führte, herangezogen werden. Ein besonderes Detail aus dem Oppenheimer Verfahren war dabei der eidesstattliche Bericht, dass seine Eltern (und damit vermutlich auch die anderen Lorscher Juden) 1939 zur Bezahlung des Abbruchs der Synagoge gezwungen worden waren, die die Gemeinde Lorsch, nachdem sie am 10. November 1938 durch Brand  vernichtet worden war, hatte niederlegen lassen. Rechnungen zu diesem Vorgang sind erhalten. 

Der älteste der drei Brüder, Ernst, war nach New York gegangen. Dort lebte er zunächst bei einer Tante. Ernst, der nie verheiratet war, hatte in Kleinhausen beim Schmiedemeister Rau gelernt. Im Jahre 1978 sprach er als Zuschauer der Steubenparade, an der damals der Einhäuser Musikzug teilnahm, zwei Begleiterinnen an, die er am Dialekt erkannt hatte und gab sich ihnen zu erkennen. Das ist das letzte, was wir von ihm wissen. 

Richard nannte sich nach einer abenteuerlichen Flucht über Paraguay nach Argentinien Ricardo. Von ihm ist etwas Schriftverkehr überliefert, denn er hielt Kontakt zur Familie seiner Mutter, deren überlebende Mitglieder in den Vereinigten Staaten leben. Seine Briefe sind zeitlebens voller Bitterkeit gegenüber Deutschland geblieben. 1935, vor seiner Flucht, hatte er wegen Beleidigung des Arbeitsdienstes im Gefängnis in Butzbach gesessen, nachdem ein NS-Mob ihn in Lorsch fast gelyncht hätte. Er heiratete spät, seine beiden Töchter und deren Kinder leben mit ihren Familien in Argentinien und Israel.

Alfred, der jüngste Sohn, war erst kurz vor dem Pogrom 1938 ebenfalls in die USA geflüchtet. Hier heiratete er 1943. Das Paar hatte eine Tochter, ihre Kinder leben in den USA. Die Namenslinie der Lorscher Oppenheimers ist mit Alfreds Tod im Jahre 2004 erloschen.  

Mit der Verlegung der sieben Stolpersteine in der Karlstraße 1 erhöht sich die Gesamtzahl der Lorscher Steine auf 45 an 12 Stellen in der Stadt. Es sind noch 3 weitere Verlegungen geplant, mit weiteren 10 Steinen an zwei Terminen in den nächsten beiden Jahren. Die Projektliste steht auf der Internetseite des Heimat- und Kulturvereins zum Herunterladen bereit.

27.11.2016 – Aufruf zu Leihgaben für die Ausstellung

Legalisierter Raub Header Aufruf

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Familie Oppenheimer aus Lorsch


Leopold Oppenheimer wurde am 27.8.1873 als Sohn von Isaac und Bettchen Oppenheimer in Fränkisch-Crumbach geboren. Er war schon fast 39 Jahre alt, als er Antonia Rosalie Mayer, genannt Toni, heiratete. Sie stammte aus Ober-Olm bei Mainz, wo sie am 4.3.1880 geboren worden war. Viele Jahre später erinnerte ein ehemaliger Nachbar, dass das Paar in Lorsch in der Karlstr.1 lebte und das ursprünglich sehr kleine Haus erweitert habe. Die Baumaßnahme wurde im Jahr 1913 durchgeführt, als der erste Sohn Ernst geboren wurde, dem Richard (geboren am 03.7.1914) und Alfred (geboren am 11.8.1917) folgten. Mit im Haus lebten auch Leopolds Schwestern Bertha und Hannchen, die mit Ellenwaren, Wolle und Wollwaren handelten.

Leopold Oppenheimer verdiente seinen Lebensunterhalt als Hausierer. Im Erdgeschoß des Hauses hatte er eine Art Laden eingerichtet, der allerdings keine Schaufenster besaß. Die Waren lagerten in Regalen, die an den Wänden entlang aufgestellt worden waren. Leopold Oppenheimer handelte mit Textilwaren, Häuten und Fellen und war vor allem in der Umgebung von Lorsch – in Zell, Unter-Hambach, Kirchhausen und Hüttenfeld – mit Pferd und Wagen unterwegs. Toni Oppenheimer half mit im Geschäft, und nach dem Abschluss seiner Lehre stieg auch Sohn Richard in den gut gehenden Handel ein. Die Familie wirtschaftete klug: Wie in der damaligen Zeit üblich, bauten auch die Oppenheimers Kartoffeln, Getreide und Gemüse selbst an; die Manufakturwaren kaufte sie im Großhandel gemeinsam mit der Familie des Schwagers Alfred Mayer ein, sodass besonders günstige Einkaufspreise erzielt wurden. So hatten die Oppenheimers langsam ein kleines Vermögen erspart.

Ein Schlaglicht auf die Verhältnisse in Lorsch zur Zeit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten wirft ein Vorgang aus dem Frühjahr 1934: Am 18. April erschien der Arbeiter A. K. bei der Polizei und forderte die Gendarmen auf, Leopold Oppenheimer zu verhaften; O. habe sich gemein gegen seinen, K.s, Arbeitgeber verhalten „und sich hierbei einer politischen Äußerung bedient“. Die Polizisten gingen der Sache nach und befanden, es bestehe „keine Veranlassung zur Inschutzhaftnahme des Oppenheimer“. Der Handel der Familie ging in diesen Jahren infolge der Boykottmaßnahmen stark zurück, ab 1937 war kein Gewinn mehr zu verzeichnen. Die Oppenheimers waren nun gezwungen, von ihren Ersparnissen zu leben.

In der Pogromnacht 1938 wurde die Lorscher Synagoge in den frühen Morgenstunden zuerst demoliert, dann angezündet. Wie an anderen Orten auch, achtete die Feuerwehr darauf, dass das Feuer nicht auf angrenzende Häuser übergriff. Den Schutt, der von der Synagoge übriggeblieben war, beseitigten im Auftrag der Stadt die „Vereinigten Bauunternehmer Lorsch“. Die Rechnung in Höhe von 1500 RM wurde Leopold Oppenheimer zugestellt, der sie bezahlen musste. Das entsprach der nationalsozialistischen Politik: Die jüdische Bevölkerung musste für die ihr in der Pogromnacht zugefügten Schäden selbst aufkommen. Für „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ wurden Jüdinnen und Juden zudem zu einer sogenannten „Sühneleistung“, der „Judenvermögensabgabe“, herangezogen. Die in vier Raten zu zahlende Strafsteuer sollte eine Milliarde Reichsmark erbringen und wurde schließlich auf fünf Raten ausgeweitet. Der Bescheid des Finanzamtes für Leopold Oppenheimer und seine Ehefrau ist nicht erhalten. Dennoch lässt sich anhand der Akten rekonstruieren, dass das Ehepaar rund 6000 RM für die Judenvermögensabgabe bezahlte. Die Süddeutsche Bank Bensheim überwies für die Abgabe im Jahr 1939 zu Gunsten des Reichsfinanzministeriums viermal Wertpapiere aus dem Depot der Eheleute an die Preußische Staatsbank (Seehandlung). Nach dem Erlass der „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ veräußerten die Oppenheimers ein Grundstück. Auch der Erlös aus diesem Zwangsverkauf in Höhe von 1189 RM wurde für die Bezahlung der Judenvermögensabgabe des Ehepaares verwandt. Ebenfalls 1939 wurde das Paar gezwungen, seinen Schmuck abzuliefern. Die Söhne bezifferten den Wert im Rahmen des „Wiedergutmachungsverfahrens“ auf 1200 RM.

Ernst, Richard und Alfred Oppenheimer gelang die Flucht aus Deutschland. Sie haben nicht erleben müssen, dass ihr Elternhaus in der Karlstr. 1 zum „Judenhaus“ wurde: Hier lebten die Jüdinnen und Juden, die in Lorsch geblieben waren, zwangsweise auf engstem Raum zusammen. 1942 wurden sie deportiert. Das verbliebene Bankguthaben der Familie Oppenheimer „verfiel“ dem Reich; in ihr Haus, das nun vom Finanzamt verwaltet wurde, zogen Mieter ein. Die zurückgelassene Habe der letzten Lorscher Juden wurde vom Finanzamt am 19. November 1942 verkauft: Das „Reich“ nahm 811 RM ein. An Miete flossen ihm bis zum Kriegsende monatlich rund 85 RM zu.

Leopold und Antonia Rosalie Oppenheimer wurden 1944 in Auschwitz umgebracht.

Als Alfred Oppenheimer – auch im Namen seiner Brüder – 1950 „Wiedergutmachung“ für das seiner Familie angetane Unrecht verlangte, forderte er auch die Erstattung des Betrages, den seine Eltern für das Wegräumen des Schutts der Synagoge bezahlt hatten. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Behörde schrieb: „Die jüdische Gemeinde war Eigentümerin der niedergebrannten Synagoge. Sie wurde deshalb aus dem Gesichtspunkt der Zustandshaftung heraus verpflichtet, für die Enttrümmerung des Synagogengeländes Sorge zu tragen. […] Den Antragstellern bleibt es unbenommen, sich wegen der anteiligen Kostentragung ihres Vaters an der jüdischen Gemeinde Lorsch schadlos zu halten.“

Aufruf

Geschichten wie die der Familie Oppenheimer erzählt die Ausstellung „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 – 1945“, die vom 6. Februar bis 14. Mai auf Einladung des Heimat- und Kulturvereins Lorsch und unter der Schirmherrschaft von Christian Engelhardt, Landrat im Kreis Bergstraße, im Museumszentrum Lorsch zu sehen sein wird.

Für die Präsentation wird die Ausstellung des Fritz Bauer Instituts und des Hessischen Rundfunks mit einem neuen, regionalen Schwerpunkt versehen: Er wird sich mit der Ausplünderung jüdischer Familien in Lorsch und Umgebung beschäftigen. Die Ausstellungsmacher rufen die Bevölkerung auf, sich an dessen Gestaltung zu beteiligen:

Sind in Ihrer Familie Gegenstände überliefert, die aus der zerstörten Lorscher Synagoge stammen oder die jüdische Familien vor der Auswanderung oder Deportation ihren Nachbarn zur Aufbewahrung übergeben haben? Besitzen Sie Briefe, Fotografien oder andere Zeugnisse, die von ehemaligen jüdischen Nachbarn erzählen? Wurden in Ihrer Familie Gegenstände vererbt, die auf öffentlichen Versteigerungen sogenannten „nicht arischen Besitzes“ erworben wurden?

Dann sprechen Sie uns bitte an:

Pfarrerin Andrea Thiemann
Vorsitzende
ImDialog. Evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau
Jugenheimer Str. 2
64404 Bickenbach an der Bergstraße
Tel.: 06257 – 2220
Fax: 06257 – 2275
Mobil: 0151 – 23507496
E-Mail: thiemann@imdialog.org

Pfarrer Hermann Differenz
Katholische Pfarrgemeinde St. Nazarius
Römerstr. 5
64653 Lorsch
Tel.: 06251- 52332
E-Mail: Pfarramt@Nazarius-Lorsch.de

Pfarrer Renatus Keller
Ev. Kirchengemeinde Lorsch
Tel.: 06251 – 8699640
Renatus.Keller@online.de
Gemeindebüro:
Sekretärin
Ursula Adrian
Mo-Do 9.00 -12.00 Uhr
Nibelungenstraße 25, 64653 Lorsch
Tel.: 06251 – 589333
Fax.: 06251 – 589335

Thilo Figaj, Heimat- und Kulturverein Lorsch
Tel.: 06251 / 17730 (Büro) und 55968 (privat)
E-Mail: tfigaj@ladyesther.com

Gottfried Kößler, Fritz Bauer Institut
Tel.: 069 / 21249439

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29.03.2016 – Thilo Figaj trifft Robert Morgenthau in New York

160329 Thilo Figaj trifft Robert Morgenthau in New York

160329 Thilo Figaj trifft Robert Morgenthau in New York

Auf den Spuren der Lorscher Wurzel

Es geschieht nicht alle Tage, dass man einer Person der Zeitgeschichte vorgestellt wird. Thilo Figaj berichtet von einem beeindruckenden Treffen aus New York. Robert Morgenthau, Demokrat, wurde 1961 von John F. Kennedy in das Amt des US Staatsanwaltes für New York eingesetzt. Sein Vater war Henry Morgenthau Jr, lange Jahre Finanzminister unter Franklin D. Roosevelt (Morgenthau-Plan); sein Großvater Henry Morgenthau Sr, ebenfalls Politiker und erfolgreicher Investmentmakler wurde in Mannheim geboren. Die Beziehung zu Lorsch ist der Ur-Großvater Lazarus Morgenthau und dessen Bruder Zacharias. Von 1856 bis 1866 betrieben die Gebrüder Morgenthau die erste Zigarrenfabrik in Lorsch. Zu diesem Zweck hatten sie das damals leer stehende Palais von Hausen erworben. Als die Geschäfte schlechter liefen wanderte die Familie in die USA aus.

Die Familienforscherin der Morgenthaus, Karen Franklin vom Leo-Baeck-Institut in New York war an den Forschungsergebnissen aus Lorsch interessiert. Zacharias Morgenthau war nicht mit der Familie seines Bruders in die USA gegangen und lebte bis zu seinem Tod 1895 mit seiner Frau in Lorsch. In der Gründungsurkunde der Freiwilligen Feuerwehr ist er als Spender verzeichnet. Dies und andere der Familie unbekannte Fakten, die Thilo Figaj zusammengetragen hat, veranlassten den mittlerweile 95-jährigen Robert Morgenthau zu einer spontanen Einladung in sein Büro in Manhattan. Sein Amt als Staatsanwalt hat er erst 2009 aufgegeben. Im Jahre 2001 leitete der 1919 geborene Morgenthau noch die Ermittlungen nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Heute ist der rüstige Demokrat noch immer beruflich tätig, als Senior Advisor in einer der bekanntesten Anwaltsfirmen der Stadt.

Mit großem Interesse ließ sich Robert Morgenthau von seinen Vorfahren aus Lorsch berichten. Als Beitrag zur regionalen Familien- und Geschichtsforschung überließ er Figaj unbekannte Bilder aus Familienbesitz. Eines zeigt das Portal der Ludwigskirche in Ludwigshafen. Das Portal der Kirche trug den Namen des Spenders Lazarus Morgenthau. Der Name wurde in der NS-Zeit geschliffen, die Kirche im Krieg zerstört und ohne das Portal wieder aufgebaut. Im Namen des Heimat- und Kulturvereins überreichte Figaj Morgenthau eine gebundene Bildersammlung zur Geschichte der Lorscher Juden.

Bild und Text: ©Thilo Figaj